Es gibt eine Szene, die viele Eltern kennen: Das Kind sitzt vor einem Arbeitsblatt, der Stift wird gedreht, gekaut und fallen gelassen, und nach zwei Minuten dreht sich das Gespräch um etwas ganz anderes. Eine Stunde später baut dasselbe Kind konzentriert einen Turm, zählt dabei laut mit und erklärt, warum die große Platte unbedingt nach unten muss.
Das heißt nicht, dass Arbeitsblätter schlecht wären. Es zeigt aber, dass Kinder nicht erst dann lernen, wenn es nach Lernen aussieht. In diesem Beitrag geht es darum, was beim Spielen tatsächlich passiert, wo spielerisches Lernen an Grenzen stößt und wie sich das im Alltag nutzen lässt, ohne daraus ein Förderprogramm zu machen.
Was beim Spielen eigentlich passiert
Wenn Kinder spielen, üben sie ständig, nur fühlt es sich für sie nicht so an. Beim Bauen entstehen Vorstellungen von Größe, Gleichgewicht und Reihenfolge. Im Rollenspiel wird erzählt, die Perspektive gewechselt und mit Wörtern experimentiert. Beim Würfeln wird gezählt, verglichen und gewartet, bis man an der Reihe ist.
Die Forschung zeichnet dabei ein genaueres Bild als der Satz „Kinder lernen durch Spielen“. Die Entwicklungspsychologinnen Deena Weisberg, Kathy Hirsh-Pasek und Roberta Golinkoff beschreiben das sogenannte geführte Spiel: Das Kind bestimmt, womit es sich beschäftigt, ein Erwachsener gibt aber leise Impulse, stellt eine Frage oder legt passendes Material bereit. In mehreren Untersuchungen hat sich dieser Mittelweg als gut geeignet gezeigt, um frühe mathematische und sprachliche Fähigkeiten aufzubauen. Reines Freispiel ersetzt gezielte Anleitung dagegen nicht überall, etwa wenn Kinder systematisch Buchstaben und Laute lernen sollen.
Spielen ist also keine Zauberformel. Es ist ein sehr guter Boden, auf dem Lernen wachsen kann, vor allem, wenn jemand dabei ist, der mitdenkt.
Zahlen entdecken, ohne zu rechnen
Zahlen stecken im Alltag überall: beim Tischdecken („Wir sind zu viert, wie viele Teller brauchen wir?“), auf der Treppe, beim Einkaufen, beim Aufteilen von Gummibärchen. Kinder verstehen Zahlen zuerst als Mengen und erst später als Symbole. Dieses Mengenverständnis wächst mit Erfahrung.
Ein schönes Beispiel liefert eine bekannte Studie der Psychologen Geetha Ramani und Robert Siegler. Vorschulkinder aus Familien mit geringem Einkommen spielten an vier kurzen Terminen ein einfaches Brettspiel mit einer Zahlenreihe von 1 bis 10. Danach konnten sie Zahlen besser vergleichen und auf einer Zahlenlinie einordnen als Kinder, die ein Spiel mit Farbfeldern gespielt hatten. Entscheidend war offenbar die Zahlenreihe: Wer ein Feld weiterzieht, spürt, dass die 7 weiter hinten liegt als die 4.
Zu Hause funktioniert das mit jedem Spiel, bei dem gewürfelt und gezogen wird. Das Kind darf selbst zählen, Fehler dürfen passieren, und wer sich verzählt, zählt einfach noch einmal.
Buchstaben und Wörter ohne Drill
Auch bei der Sprache braucht es keinen Stundenplan. Das Gefühl für Reime und Anfangslaute gilt als gute Vorbereitung aufs Lesenlernen, und das lässt sich ganz nebenbei üben. „Ich sehe was, das du nicht siehst, und es beginnt mit M“ ist so ein Spiel, wenn man den Laut sagt und nicht den Buchstabennamen. Ein Einkaufszettel, den das Kind mit Bildern und ersten Buchstaben mitschreibt, der eigene Name auf einer Zeichnung, ein Reim beim Zähneputzen: All das zählt.
Und dann ist da das Vorlesen. Wer regelmäßig vorliest, gibt Kindern Wörter, Satzbau und Geschichten mit, die sie im Alltag so nicht hören. Wir haben dazu schon einmal geschrieben: Warum Vorlesen ein Schlüssel zur Fantasie ist.
Lesen und Schreiben lernen Kinder in der Schule systematisch. Es ist nicht nötig, das vorzuverlegen. Wer Freude an Sprache sammelt, hat schon viel getan.
Zusammenhänge begreifen
Das vielleicht Wertvollste am Spielen ist, dass Kinder dabei Dinge ausprobieren und Schlüsse ziehen. Was schwimmt, was geht unter? Warum bleibt die Murmel nicht auf der schrägen Rampe liegen? Warum wird der Teig größer, wenn man ihn warm stellt?
Das sind Fragen, die sich ohne Arbeitsblatt stellen und ohne Vortrag beantworten lassen. Oft reicht es, zurückzufragen: „Was glaubst du, was passiert?“ Vermuten, ausprobieren, staunen: Das ist schon der Kern von naturwissenschaftlichem Denken. Und wenn die Antwort einmal nicht bekannt ist, kann man gemeinsam nachsehen, wie es in unserem Beitrag über Kinderfragen, die wir nicht immer beantworten müssen beschrieben ist.
Und wann darf es ein Arbeitsblatt sein?
Natürlich darf es eins sein. Manche Kinder lieben Rätsel, Zahlenbilder oder das Gefühl, etwas „richtig“ fertig zu haben. Entscheidend ist, wer die Idee hatte. Ein Blatt, das das Kind selbst aus dem Stapel zieht, ist etwas anderes als eines, das nach dem Abendessen auf dem Tisch liegt.
Auf spielzeit-wunderland.at findest du zum Beispiel Lernblätter zu Geld, Uhrzeit und Kalender. Wir verstehen sie als Angebot für Tage, an denen ein Kind selbst Lust darauf hat, und nicht als Pflichtprogramm.
Lernen ohne Leistungsdruck: ein paar Gedanken
Ein paar Dinge helfen, damit Lernen im Spiel nicht heimlich zum Unterricht wird:
- Offene Fragen („Wie hast du das gemacht?“) statt Abfragen („Wie viel ist 3 plus 4?“).
- Fehler gelassen nehmen. Wer sich verzählt hat, zählt noch einmal, ohne Kommentar.
- Das Kind führt. Wenn es nach fünf Minuten genug hat, ist das Spiel vorbei.
- Keine Vergleiche mit anderen Kindern. Entwicklung verläuft nicht gleichmäßig, und ein Kind, das mit vier Jahren Zahlen liebt, ist nicht „weiter“ als eines, das mit fünf lieber klettert.
Ein Einwand bleibt: Was, wenn mein Kind trotzdem Probleme hat, etwa mit Sprache, Zahlen oder Konzentration? Dann ist Spielen kein Ersatz für Hilfe. Wer den Eindruck hat, dass sich ein Kind über längere Zeit schwertut, kann mit der Kinderärztin, dem Kinderarzt oder den Pädagoginnen im Kindergarten sprechen. Früh nachzufragen ist kein Zeichen von Überforderung, sondern von Aufmerksamkeit.
Zum Mitnehmen
Kinder lernen ständig, auch dann, wenn niemand etwas erklärt. Eure Aufgabe muss nicht sein, aus jedem Nachmittag eine Lerneinheit zu machen. Oft reicht es, Zeit, Material und ein offenes Ohr zu haben und gelegentlich eine gute Frage zu stellen.
Quellen
- Weisberg, D. S., Hirsh-Pasek, K., Golinkoff, R. M. (2013): Guided play: Where curricular goals meet a playful pedagogy. Mind, Brain, and Education, 7(2), 104–112.
- Ramani, G. B., Siegler, R. S. (2008): Promoting broad and stable improvements in low-income children’s numerical knowledge through playing number board games. Child Development, 79(2), 375–394.
