Mein Kind kommt in die Schule – was wirklich wichtig wird und was Eltern überschätzen

Ein Kind mit buntem Rucksack geht an einem Herbsttag auf dem Gehweg zur Schule

Irgendwann steht sie plötzlich im Zimmer: die Schultasche. Und mit ihr eine ganze Reihe von Fragen. Kann mein Kind das schon? Müsste es nicht schreiben können? Sollte ich in den letzten Wochen noch etwas üben?

Ich glaube, dass fast alle Eltern solche Fragen kennen, und sie zeigen vor allem eines: Man nimmt den neuen Abschnitt ernst. Nur ist nicht alles, was sich wichtig anfühlt, auch tatsächlich wichtig. Hier ein ehrlicher Blick darauf, was beim Schulstart zählt, wo Eltern gern zu viel erwarten und wo die Forschung weniger eindeutig ist, als manche Ratgeber klingen.

Selbstständigkeit: die kleinen Dinge

Wer mit über zwanzig anderen Kindern in einer Klasse sitzt, kann nicht bei jedem Reißverschluss nach Hilfe rufen. Deshalb ist Alltagsselbstständigkeit am Anfang oft wichtiger als jedes Vorwissen: Jacke und Schuhe selbst an- und ausziehen, die Jausenbox aufbekommen, die Schultasche einpacken, allein aufs WC gehen und um Hilfe bitten, wenn etwas nicht klappt.

Das lässt sich in den Wochen davor nebenbei üben, am besten ohne Zeitdruck. Wer morgens zehn Minuten mehr einplant, kann zusehen, statt einzugreifen. Dann wird das Zuknöpfen irgendwann nicht mehr zur Zerreißprobe. Auch der Schulweg gehört dazu. Wir haben aufgeschrieben, warum wir uns für eine Kinderuhr zum Schulstart entschieden haben, als ein Beispiel dafür, wie man Selbstständigkeit zutrauen kann, nicht als Empfehlung für alle.

Was die Forschung zur „Schulreife“ sagt

Hier lohnt sich ein genauer Blick. Eine große Auswertung mehrerer Langzeitstudien (Duncan und Kollegen, 2007) kam zu dem Ergebnis, dass frühe Mathematikkenntnisse, frühe Lesefähigkeiten und Aufmerksamkeit den späteren Schulerfolg am besten vorhersagen. Soziale und emotionale Merkmale hatten dort weniger Gewicht, als man erwarten könnte.

Andere Studien zeigen zugleich, dass Selbstregulation, also Impulse bremsen, sich konzentrieren und mehrere Dinge im Kopf behalten, schon im Kindergartenalter mit Mathe- und Leseleistungen zusammenhängt, und zwar über die Intelligenz hinaus (Blair und Razza, 2007).

Was heißt das im Alltag? Vor allem, dass man das eine nicht gegen das andere ausspielen muss. Zählen, Mengen vergleichen, erzählen und vorlesen helfen. Genauso helfen Spiele, in denen man warten, verlieren und trotzdem weitermachen muss. Nichts davon braucht Drill. Wie das im Spiel funktioniert, steht in unserem Beitrag Lernen ohne Lernstress.

Gefühle gehören dazu

Kinder bringen ihre Gefühle mit in die Schule, und viele sind in den ersten Wochen erschöpft. Neue Räume, viele Kinder, lange Sitzzeiten: Das kostet Kraft. Nicht selten kommt das, was tagsüber zurückgehalten wurde, am Nachmittag heraus, in Tränen, Trotz oder Streit mit den Geschwistern. Das ist kein Zeichen für einen schlechten Start, oft ist es einfach Müdigkeit.

Hilfreich sind in dieser Zeit wenige Termine, Zeit zum Auslaufen und Essen und jemand, der zuhört, ohne sofort Lösungen zu liefern. Auch Frust gehört dazu: Etwas klappt nicht auf Anhieb, die Buchstaben werden schief, die Banknachbarin ist schneller fertig. Wie wir als Eltern darauf reagieren, wird genau beobachtet. „Das ist schwierig, und es darf dauern“ hilft mehr als „Das kannst du doch“.

Konzentration und Hausübung

Wie lange ein Kind bei einer Aufgabe bleiben kann, ist sehr unterschiedlich. Eine feste Minutenzahl pro Lebensjahr gibt es nicht, und eine Pause nach einer Viertelstunde ist keine Schwäche.

Bei der Hausübung hilft meist ein fester Rahmen: gleicher Platz, gleiche Zeit, erst Jause und Bewegung, dann die Aufgaben. Eltern müssen dabei nicht Lehrer sein. Sie dürfen in der Nähe sein, Fragen beantworten und bei Frust eine Pause vorschlagen, ohne alles zu korrigieren. Denn die Lehrperson sieht nur dann, was das Kind wirklich kann, wenn die Aufgabe auch von ihm stammt.

Für alle, die sich um den Umfang sorgen: Eine bekannte Auswertung von Studien (Cooper und Kollegen, 2006) fand für die Volksschulzeit nur einen geringen Zusammenhang zwischen Hausübungszeit und Schulleistung. Das spricht dafür, hier nichts zu erzwingen. Dauert die Hausübung dauerhaft viel länger, als die Lehrperson vorgesehen hat, ist ein Gespräch mit ihr sinnvoller als ein längerer Abend.

Fehler machen darf sein

In der Schule wird viel falsch gemacht, und das gehört zum Lernen. Kinder, die erleben, dass Fehler zum Alltag zählen, trauen sich eher, Neues zu probieren. Wir können das vorleben: „Oh, da habe ich mich verrechnet. Moment, noch einmal.“ Auch beim Lob hilft es, auf das Bemühen zu schauen („Du bist so lange drangeblieben“) statt nur auf das Ergebnis.

Was Eltern gern überschätzen

  • Dass das Kind schon lesen oder schreiben können muss. Die Schule ist dafür da, Kinder dort abzuholen, wo sie stehen. Wer schon liest, darf das natürlich, wer nicht, ist nicht im Rückstand.
  • Die perfekte Ausstattung. Ein Federpennal mit zwölf Stiften macht noch keine Lernfreude.
  • Den Vergleich mit anderen Kindern. Manche lesen früh, andere sind in anderen Bereichen weiter, und Entwicklung verläuft in Schüben.
  • Die eigene Schulerfahrung. Was uns damals wichtig war oder Angst gemacht hat, muss für unsere Kinder nicht dasselbe bedeuten.

Und unterschätzt wird oft das Grundlegende: genug Schlaf, ein Frühstück und Zeit zum Spielen am Nachmittag.

Wann ein zweiter Blick sinnvoll ist

Wenn ein Kind über Wochen jeden Morgen Bauchweh hat, sich zurückzieht, sehr traurig oder wütend wirkt oder trotz Mühe kaum etwas behält, lohnt sich ein Gespräch mit der Lehrerin oder dem Lehrer. In Österreich gibt es außerdem die kostenlose Schulpsychologie-Bildungsberatung, in Deutschland schulpsychologische Beratungsstellen. Hilfe zu suchen bedeutet nicht, dass etwas schiefgelaufen ist.

Zum Mitnehmen

Ein guter Schulstart braucht kein perfekt vorbereitetes Kind. Er braucht ein Kind, das sich traut, Fragen zu stellen und Fehler zu machen, und Eltern, die das aushalten. Der Rest ergibt sich meistens in den ersten Monaten.

Quellen

  • Duncan, G. J. et al. (2007): School readiness and later achievement. Developmental Psychology, 43(6), 1428–1446.
  • Blair, C., Razza, R. P. (2007): Relating effortful control, executive function, and false belief understanding to emerging math and literacy ability in kindergarten. Child Development, 78(2), 647–663.
  • Cooper, H., Robinson, J. C., Patall, E. A. (2006): Does homework improve academic achievement? A synthesis of research, 1987–2003. Review of Educational Research, 76(1), 1–62.